Catalogue essay published on the occasion of - Benign neglect 2007. Bernhard Knaus Fine Art, Germany
Text by: Richard Clements
Abwesenheit, Entropie und das Ich.Eine Landschaft so zu sehen, wie sie ist, wenn ich nicht darin bin ...
Wenn ich irgendwo bin, beflecke ich das Schweigen des Himmels und der Erde durch mein Atmen und das Schlagen meines Herzens.
Simone WeilDas Werk Adam Thompsons vergräbt sich in Melancholie: in der Erkenntnis der Eitelkeit allen menschlichen Strebens. Die melancholische Haltung besteht in der bewussten Erkenntnis des Bruchs zwischen materia und eidos/forma , der objektiven physischen Wirklichkeit und dem abstrakten subjektiven Denken, sowie der Vergeblichkeit schlichtender Vermittlungsversuche (materieller oder konzeptuell-philosophischer Art). Thompson sieht diese Spaltung am mächtigsten und deutlichsten in der Beziehung zwischen Mensch und Landschaft bzw. natürlicher Umgebung hervortreten. Das Gefühl der räumlichen Entfremdung oder Fremdheit gehört zum existentialistischen Lebensgefühl und führt letztendlich zu einer Auflösung des Ich – nicht im asketischen oder mystischen Sinne, sondern durch eine bewusst skeptische Haltung gegenüber der Möglichkeit objektiver Wahrheit in der Konstruktion des Ich und der Zuverlässigkeit der Wahrnehmung. Ein Symbol für diese Destabilisierung des Ich findet sich in der Natur im entropischen Kreislauf bzw. Ausgleich; in Thompsons Werk begegnet uns eine traurig reziproke und vollständig verwüstete Natur.
Das zeitgenössische Denken neigt zum Fragmenthaften; selbstbespiegelnd beobachten wir uns bei der subjektiven Konstruktion von Ideen. Die von uns geschaffenen Objekte – physische Manifestationen ideologischer Konstrukte – werden nur noch als in einer atomisierten Landschaft verstreuter Schutt betrachtet, als Treibgut zwischen sich im Laufe der Erdzeitalter einander nähernden Ufern. In Thompsons Arbeit Untitled (Globe) [2006] sehen wir ein Objekt, das die Grenzen kartographischer Gegenstände und ihre Unfähigkeit, die Vielschichtigkeit der Welt angemessen darzustellen, veranschaulicht; Ideen- und Objektschöpfungen erscheinen nun als Trümmer. Der zerstörte Erdball wird jedoch nicht bloß als fehlgeschlagenes oder beschädigtes Menschenwerk gezeigt; er steht für eine Welt, die mit unserem verzweifelten Schaffensdrang nicht Schritt halten kann.
Angesichts des unvermeidlichen Fortschrittsglaubens der Menschheit ruft dieser Gedanke ein Gefühl von Traurigkeit und Aussichtslosigkeit hervor; jeder Schaffensakt setzt einen Akt der Zerstörung voraus, und die Auswirkungen sind unumkehrbar. Giles Tiberghie stellt fest: „Für die alten Griechen war es eine Notwendigkeit, der ‚Natur zu folgen’, weil die Natur absoluten Vorrang sowohl im moralischen als auch im physischen Sinne hat. Das gleiche gilt für die Kunst, die ihre Berechtigung allein aus der Nachbildung der Natur zieht: nicht wegen ihrer Schöpfungen – krude Formen der Mimesis als Kopie – sondern wegen des Schaffensakts. Die Nachbildung der Natur bedeutet nicht, ihre äußere Erscheinung zu reproduzieren, sondern Teil der Natur zu bleiben, um sie so ganz zu erkennen. In Pierre Aubenques Worten ist Kunst eine ‚aktive Tautologie’ der Natur.” Der Schaffensakt – sei er nun künstlerisch oder kulturell – lässt sich jedoch kaum vom Geschaffenen trennen; der Akt der Nachbildung mag Anteilnahme an oder Einheit mit einer Welt im Wandel suggerieren, doch der geschaffene Gegenstand an sich ist widernatürlich; und das gilt besonders in einer Zeit, in der allein die Menge des angeeigneten Materials schon eine Gefahr für den Gegenstand (die Natur) darstellt, der durch Nachbildung besetzt werden soll. Diese Gedanken kommen in Thompsons Arbeit 29/10/04 [2007] zum Ausdruck, wo die ‚Wirklichkeit’ der Mauer zu einem Dialog mit einer Fotografie genötigt wird. Als Geschaffenes ist die Fotografie von der Natur abhängig; gleichzeitig ist sie mit der physischen Präsenz der bröckelnden Mauer konfrontiert. Wir glauben nicht an den Fortbestand des abgebildeten Motivs; es existiert nur durch die Abbildung; ähnlich wie das innere Auge tatsächliche Erlebnisse genau erinnern oder nachbilden kann. Vor der potentiellen Harmonie der Fotografie steht die physische Präsenz der verfallenen Mauer; durch deren Andeutung des jedem Schaffensakt innewohnenden zerstörerischen Elements stellt sie jeglichen Glauben an Unschuld und Nutzen menschlichen Schaffens in Frage.
In nihilistischer Lesart reduziert die wahrgenommene Belanglosigkeit unserer individuellen Existenz in der Zeitrechnung des Universums alles (Geistiges und Physisches) auf seine mikrokosmischen Bestandteile: auf Staub. Beim Versuch, diese stets wirksame entropische Kraft zu personifizieren, sehen wir sie als amoralisches, alles niedertrampelndes Monster, doch ihre wahre verhängnisvolle Präsenz zeigt sich in ihrem Widerstand gegen jegliche Vermenschlichung, dem Fehlen eines bewussten Zentrums, der Abwesenheit von Anwesenheit.
Und ist doch nicht also zu dencken, daß das Leben der Finsterniß also in ein Elende sincke, da sichs vergässe, als traurete es: Es ist kein Trauren, sondern was bey uns auf Erden Trauren ist nach dieser Eigenschaft, das ist in der Finsterniß Macht und Freude, nach der Finsterniß Eigenschaft: Denn die Traurigkeit ist ein Ding, das im Tod ersincket. So ist aber der Tod und das Sterben der Finsterniß Leben
Jacob BöhmeWas ist das für eine Leere? Wie kann ein Nichts eine so gefühlsgeladene Macht über uns ausüben? Für die französische Philosophin und Mystikerin Simone Weil war diese Leere ein Beweis für die Existenz des Göttlichen. In ihren Augen setzt die Existenz des äußeren Lebens einen Rückzug des allgegenwärtigen Gottes voraus. Die Leere ist daher ein Symbol des Göttlichen, und der Prozess der Aufhebung der Getrenntheit sorgt für eine kosmologische Angleichung, im Zuge derer die Differenzierung zwischen Natur, Gott und Ich zerstört wird. Im Nichts finden wir alles, und obwohl seine Präsenz kein Trost ist, weist es doch eine tief empfundene geistige Absolutheit auf. Aber Leere entsteht nur durch völlige Vernichtung; die Trümmer eines bloßen Zerschlagens oder Verstreuens können aufgelesen werden, und das wiedererstellte Ganze ist eine ekelhafte Aussicht, ein Gegenstand ohne Wesen; so heißt es bei Rudolf Steiner:
Ihr tötet erst die ganze Welt, indem ihr sie differenziert, dann fügt ihr wiederum ihre Differentiale zusammen in Integralen, habt aber keine Welt mehr, sondern nur das Nachbild einer Welt, die Illusion einer Welt [...] wodurch [die alten Gestalten] aber nicht lebendig werden, sondern eben tote Schemata sind.
Leere ist Nichts; ihre Unteilbarkeit mutet monistisch an. Trümmer sind das wahre Gegenteil der Leere; als Anhäufung nicht wieder zusammenzusetzender Teile verweisen sie auf eine unendliche Uneinheitlichkeit. Thompsons Werk setzt sich mit beiden Extremen auseinander: mit nihilistischer Verzweiflung ebenso wie der Möglichkeit der Gnade durch Finsternis. Eröffnet Gottes gütige Vernachlässigung die Möglichkeit zur Transzendenz?
Wenn die unendlich vereinnahmende Leere als der endgültige Gleichmacher gesehen werden kann, dann können wir uns den entropischen Ausgleich vielleicht ähnlich vorstellen. Birgt die endgültige Atomisierung der Entropie eine Möglichkeit der Vereinheitlichung? Erzeugt ein Erdzeitalter umfassendes Bewusstsein der unendlichen Wandelbarkeit der stets fließenden Natur ein Gefühl der Einzigartigkeit bzw. Einheitlichkeit? Wenn alles zu Asche und in Dunkelheit eins wird, wie kann dann unser Bewusstsein Unterschiede erkennen? Vielleicht kann dies als die große Versöhnung des Mikro- und Makrokosmischen und von materia, forma und eidos gesehen werden.'das Kontinuierliche ist das, was ins Unendliche teilbar ist' Aristoteles
1. Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, 3. Aufl. 1981), S. 62 [La Pesanteur et la Grace (1947)].
2. Der Begriff Materia bezieht sich auf physische Stoffe, Forma auf das Sein und Eidos auf reines Denken.
3. Giles Tiberghie, zitiert in Tomato, Process; a Tomato Project (London: Thames and Hudson, 1996).
4. Jacob Böhme, „Von sechs theosophischen Puncten“, Sämtliche Schriften, Bd. 4 (Stuttgart: Frommann-Holzboog, Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730, 1957) S. 69f.
5. Rudolf Steiner, „Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwicklung“, 9 Vorträge, 4. Vortrag (27. Dezember 1922), Bibliographie-Nr. 326, S. 67.
6. Aristoteles, zitiert in Tomato, Process; a Tomato Project (London: Thames and Hudson, 1996).
---------------------------
Richard Clements is an Artist currently working in London - www.richard-clements.com